Zuschüsse & Steuern: Geringverdienern bleibt mehr Geld als der Mittelschicht

Wenn mehr Arbeit kaum mehr bringt: Warum Geringverdiener teils besser dastehen als die untere Mitte zeigen neue Berechnungenfür Gering-, Normal- und Gutverdiener in Deutschland. Alle Details findet man hier auf Finanz.de.

25.02.2026, 07:00 Uhr, von (Finanzen)
Euro
Bildquelle: Finanz.de (Montage) / Euro
Jetzt neues Gehalt ab 2026 berechnen!

Wer wenig verdient, bekommt staatliche Unterstützung. Wer etwas mehr verdient, verliert sie oft schlagartig. Genau darin liegt ein strukturelles Problem des deutschen Steuer- und Transfersystems. Modellrechnungen, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung geprüft wurden, zeigen: In bestimmten Konstellationen kann einem Geringverdiener-Haushalt am Monatsende mehr verfügbares Einkommen bleiben als einem Haushalt knapp oberhalb der Fördergrenzen. Das berichtet u.a. FOCUS online anhand neuer Berechnungen.

Der Grund ist das Zusammenspiel von Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag, Kindergeld sowie Steuern und Sozialabgaben. Diese Leistungen greifen wie Zahnräder ineinander – sind aber nicht sauber aufeinander abgestimmt. Steigt das Einkommen, werden staatliche Zuschüsse häufig stark gekürzt. Ökonomen sprechen von hohen Transferentzugsraten. Das bedeutet: Von jedem zusätzlich verdienten Euro bleibt oft nur ein kleiner Teil übrig.

Ein Beispiel macht das deutlich. Ein Vierpersonenhaushalt mit geringem Erwerbseinkommen kann – etwa durch eine günstige Sozialwohnung, Wohngeld und Kinderzuschlag – auf ein verfügbares Einkommen von rund 2.200 Euro kommen. Ein vergleichbarer Haushalt mit etwas höherem Bruttoeinkommen liegt möglicherweise nur knapp darüber, zahlt aber volle Marktmiete und erhält keine Transfers mehr. Mehr Brutto führt dann nicht automatisch zu deutlich mehr Netto.

Frustration bei „unterer Mittelschicht“

Gerade die sogenannte „untere Mitte“ empfindet diese Situation als besonders frustrierend. Laut Definition des Instituts der deutschen Wirtschaft lag die Einkommensmittelschicht 2022 bei vierköpfigen Haushalten zwischen etwa 3.880 und 7.280 Euro netto im Monat. Knapp 48 Prozent der Bevölkerung gehörten zu dieser Gruppe. Wer sich im unteren Bereich dieser Spanne bewegt, erhält meist keine Zuschüsse mehr, spürt aber stark steigende Mieten, Energiepreise und Lebenshaltungskosten.

Die Sozialökonomin Karen Jaehrling weist darauf hin, dass gezielte Unterstützung zwangsläufig hohe Entzugsraten erzeugt. Wenn der Staat Leistungen nur für niedrige Einkommen vorsieht, müssen diese bei steigendem Verdienst schnell reduziert werden. Eine feinere Staffelung würde mehr Haushalte einbeziehen – wäre jedoch teuer und politisch umstritten. Gleichzeitig warnt sie davor, das Sicherungssystem als „soziale Hängematte“ abzuwerten. Viele Niedriglohnbeschäftigte arbeiten unfreiwillig in Teilzeit, familiäre Verpflichtungen begrenzen die Arbeitszeit zusätzlich.

Leistungsversprechen

Ein weiteres Problem: Das Leistungsversprechen durch Erwerbstätigkeit wird für viele als brüchig wahrgenommen. Früher galten Urlaub, größere Anschaffungen oder Wohneigentum als realistische Ziele für Normalverdiener. Heute erscheint das für viele unerreichbar. Diese Entwicklung schwächt laut Experten nicht nur das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik, sondern auch in staatliche Institutionen insgesamt.

Reformvorschläge setzen daher auf ein integriertes Steuer-Transfer-System. Ziel ist eine einheitliche Struktur mit klarer, transparenter Entzugsrate. Diskutiert wird etwa eine feste Transferentzugsrate von rund 70 Prozent, um abrupte Einkommenssprünge zu vermeiden. Andere Ansätze schlagen vor, dass Beschäftigte von jedem zusätzlich verdienten Euro einen festen Anteil – etwa 30 Prozent – behalten dürfen. Damit würde Mehrarbeit spürbar belohnt.

Gleichzeitig warnen Fachleute vor langfristigen Nebenwirkungen. Hohe Transfers können Anreize verringern, sozialversicherungspflichtig zu arbeiten. Wer weniger Beiträge zahlt, baut geringere Rentenansprüche auf – mit späteren Folgen für Altersarmut und öffentliche Haushalte.

Die zentrale Frage bleibt daher: Wie schafft man ein System, das Armut wirksam verhindert, ohne Arbeitsanreize auszuhöhlen? Solange hohe Transferentzugsraten bestehen, bleibt für viele die Erfahrung: Mehr arbeiten lohnt sich oft weniger, als es auf den ersten Blick scheint.

Tipps
Kostenlose Kreditkarte mit Bestpreisgarantie
Kreditkarte
Jetzt Steuererklärung einfach, schnell & sicher einreichen!
Steuer-App

aktualisiert: 25.02.2026, 07:00 Uhr
Autor: Daniel Herndler
Chef-Redakteur | Finanzen, Steuern, Wirtschaft, Arbeitnehmer
zum Autorenprofil von
Daniel Herndler
Disclaimer (Produktplatzierung & Werbung)
Viele oder alle der hier vorgestellten Produkte stammen von unseren Partnern, die uns entschädigen. Dies kann Einfluss darauf haben, über welche Produkte wir schreiben und wo und wie das Produkt auf einer Seite erscheint. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere Bewertungen. Unsere Meinung ist unsere eigene.

Mehr Informationen: Gehalt

News in Finanzen