Die Französischen Wahlen könnten den April zum grausamsten Monat im Jahre 2012 werden lassen


franzoesische-wahlen-april

von Johann Martin

Eintrag vom: 13.01.2012

Die französischen Präsidentschaftswahlen könnten den kommenden April zu einem grausamen Monat für die Finanzwelt werden lassen - zu diesem Schluss kommt David March auf MarketWatch.com (http://www.marketwatch.com/story/french-elections-could-make-april-a-cruel-month-2012-01-09). Diese Conclusio folgt aus der Tatsache, dass alle aussichtsreichen Kandidaten dem Euro eher skeptisch gegenüberstehen.

Schon Sarkozy erweckt bisweilen den Eindruck, wenig von der EWU zu halten. 2007 - damals noch Finanzminister - schrieb er beispielsweise: "Mit exorbitant hohen Zinsen und einer überbewerteten Währung strafte die Geldpolitik der 1990er Jahre Investments ab, senkte die Wettbewerbsfähigkeit französischer Produkte und französischer Arbeit, führte zu Massenarbeitslosigkeit und schließlich zur Rezession. Hätte Frankreich eine ähnliche Geldpolitik wie England zu Beginn der 90er Jahre betrieben, wäre die französische Staatsschuld weitaus höher als die britische." Mit seiner Einstellung ist Sarkozy aber noch derjenige Kandidat, der dem Euro am ehesten gewogen ist - seine Herausforderer sind radikaler.

Sowohl François Hollande, Kandidat für die Sozialisten (und aktuell in den Umfragen führend) als auch Marine Le Pen, die für die Front Nationale antritt, treten in ihren jeweiligen Wahlkampagnen als Euro-Skeptiker auf - bei ohnehin bereits aufgewühlten Märkten ein starkes Zeichen für weitere Unruhen im April.

Sarkozys Ansicht nach hätte Frankreich das Europäische Währungssystem ähnlich wie das Vereinigte Königreich Anfang der 1990er Jahre verlassen sollen. Das hätte den Wechselkurs des Franc freigegeben und das Zinsniveau gedrückt. Sarkozy stemmte sich bereits als Budgetminister unter Édouard Balladur (1993-95) gegen die Effekte der Kopplung des Francs an die Deutsche Mark, einer Zeit, in der die öffentlichen Schulden stark zunahmen. Seiner Ansicht nach resultierte dieser Anstieg aus der Überbewertung des Francs.

Wie viele andere Franzosen auch sah Sarkozy die auf das EWS folgende Europäische Währungsunion als Mittel für Frankreich, sich vor der deutschen wirtschaftlichen Vormacht als Resultat der Wiedervereinigung zu schützen. So gilt es auch zu beachten, dass ungeachtet starker Pro-Euro-Rhetorik der letzten Jahre bei Sarkozy nach wie vor eine gewisse Frustration der EWU gegenüber festzustellen ist. Die gemeinsame Währung vermochte es bisher nämlich nicht, Frankreich mehr Bewegungsspielraum bei den zunehmend angespannteren Beziehungen zum ökonomisch immer mächtiger werdenden Deutschland zu gewähren. Nach wie vor erwirtschaftet die Bundesrepublik massive Exportüberschüsse, während Frankreich hier ein gewaltiges Defizit aufweist.

Überhaupt ist Frankreichs wirtschaftliche Verwundbarkeit ein zentrales Thema der Wahlkampagne, das sich bei allen drei Kandidaten findet. Lediglich die Details unterscheiden sich. So erklärte Hollande - sonst eher als "politischer Teddybär", also moderat bei seiner Wortwahl, bekannt - jüngst in einem offenen Brief, dass das Land unter Nicolas Sarkozy "gedemütigt, geschwächt, beschädigt und herabgestuft" wurde. Der letzte Punkt enthält eine eindeutige Referenz zu einem möglichen Verlust des AAA-Ratings. Das prestigeträchtige Spitzenrating war seit Spätsommer 2011 unter Beschuss geraten, Berichte über angeblich bevorstehende Herabstufungen rissen seitdem nicht ab. 

Was die Europäische Währungsunion belangt, so gab Hollande an, die Maßnahmen zur Euro-Rettung, wie sie vor Weihnachten in Brüssel beschlossen wurden, nachverhandeln zu wollen. Auf seiner Agenda stehen unter anderem mehr Macht für die EZB und die vieldiskutierten "Eurobonds", also gemeinsam ausgegebene Anleihen - beides Punkte, die von Angela Merkel wiederholt und vehement abgelehnt wurden. Damit sind weitere Konflikte und Meinungsverschiedenheiten in diesem Bereich vorprogrammiert - dem Euro wird es nicht helfen, eher im Gegenteil.

Marine Le Pen, Tochter des rechtskonservativen und stets polarisierendem Jean-Marie Le Pen, landet in aktuellen Umfragen noch leicht abgeschlagen auf Platz 3 hinter Hollande und Sarkozy. Das beruhigt ein wenig, denn Le Pen möchte komplett aus dem Euro austreten und zum Franc zurückkehren.

Betrachtet man die aktuellen Umfragewerte und die schwache wirtschaftliche Entwicklung in Frankreich (die gegen Sarkozy spricht), könnte Nicolas Sarkozy der erste Präsident seit Giscard d'Estaing werden, der nicht wiedergewählt wurde.

Es ist ja nun nicht so, dass es bisher zu wenige potentielle Krisenmomente im 2012er Kalender der Weltwirtschaft gäbe, die für Unruhe an den Märkten sorgen könnten. So wird das orthodoxe Osterfest, das einen Monat vor den französischen Wahlen stattfindet, bereits als möglicher Termin für die Rückkehr Griechenlands zur Drachme gehandelt. Auch zeigt ein Blick in die Geschichte, dass französische Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, in denen sich die Machtverhältnisse änderten, schon immer Turbulenzen an den Finanzmärkten ausgelöst haben.

Damit könnten die französischen Präsidentschaftswahlen kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen - die (Kredit)-Märkte sind ohnehin schon sehr unruhig. Der April könnte damit der grausamste Monat für den Euro werden; FX-Händler, Finanzminister und Zentralbanker sollten ihre Hoffnungen auf einen langen Osterurlaub also bereits jetzt begraben.

 

blog comments powered by Disqus

WEITERFüHRENDE THEMEN

Der Plocker