Rohstoffhandel: Des einen Brot, des anderen Tod
Eintrag vom: 22.09.2011
Wie wir uns mit Euphemismen vor den Folgen unseres Handelns verstecken
Seitdem der Mensch existiert, stützt er sein Fortkommen auf die Gewinnung und Verarbeitung von natürlichen Ressourcen, auch Rohstoffe genannt. Sie sind die Grundlage aller wirtschaftlichen Aktivitäten. Da nimmt es nicht Wunder, dass Rohstoffe mehr als ein Drittel aller auf der Welt gehandelten Güter darstellen. Ihr begrenztes Vorkommen ist eine allgemein anerkannte Tatsache; dass wir diesem in unserem Handeln wenig Rechnung tragen, ebenso. Genauso wenig kümmern wir uns um das Leid, dass wir mit unserem immensen und vollkommen übertriebenen Verbrauch hervorrufen bzw. unterstützen. Warum? Weil wir es nicht sehen - und weil wir das, was wir wissen, sprachlich hübsch verkleiden, etwa mit dem Begriff „Rohstoffgewinnung“.
Das ist möglich, weil Förderung, Weiterverarbeitung und Verbrauch der natürlichen Ressourcen, sei es Erdöl, Coltan oder Kupfer, meist in verschiedenen Ländern stattfinden. Der Gegensatz zwischen exportierenden und importierenden Ländern – das sind die Entwicklungsländer einerseits und die Industrieländer, also wir, andererseits - macht den Rohstoffhandel zum Gegenstand nationaler politischer Interessen, Kriege wurden und werden in seinem Namen geführt (wenn auch nicht unbedingt offiziell) – etwa im Ostkongo, wo nicht nur seit zehn Jahren Krieg herrscht, sondern auch große Teile der Bevölkerung unter Einsatz von Gewalt für einen Hungerlohn in Minen schuften, um dort unter Preisgabe ihrer Gesundheit für die westlichen Wohlfahrtsstaaten Coltan abzubauen. Und wir brauchen sie, diese Hungerleider, die meist nach kurzer Zeit an den gesundheitlichen Folgen sterben, denn ohne Coltan hätten wir keine funktionierenden Handys, keine Computer. Und wir unterstützen die Ausbeutung dieser Menschen, denn sonst müssten wir einen viel höheren Preis für das so wichtige Mineral bezahlen und könnten uns nicht jedes Jahr ein neues Handy kaufen. Außerdem wird rund die Hälfte des weltweiten Coltans von H. C. Starck aufgekauft und verarbeitet – dieses Unternehmen war bis 2006 eine hundertprozentige Tochterfirma der Bayer AG. Nach einer NGO-basierten Studie von 2010 hat auch die Firma Glencore mit Sitz in der Schweiz eine bedeutende Rolle im Coltan-Abbau in Zentralafrika. Über eine Tochterfirma will Glencore in den nächsten Jahren zum weltgrößten Förderer von Coltan werden. Dass sie dabei, wie die Studie weiterhin konstatiert, mit ungerechten Verträgen, Missachtung von Menschenrechten und Steuerunterschlagung operiert, wird von dem Unternehmen vehement bestritten. Verständlich.
Sehen wir einmal von den inhumanen Zuständen ab, die zu unseren Gunsten in den Exportländern installiert wurden, und wenden uns der Umwelt zu: Denn auch sie leidet ärgerlicherweise unter dem Hunger nach Mehr, der dem Wohlstand zu eigen ist. Durch die Entnahme und Nutzung der Ressourcen entstehen Emissionen und Problemabfälle, deren sachgemäße Entsorgung so ähnlich abläuft wie hierzulande die des Atommülls: Miserabel. Die ökologischen Schäden wiederum führen zu sozialen und ökonomischen Problemen.
Aber was soll man denn tun, und wer überhaupt? Schon ohne die Einhaltung von Menschenrechten erfordert Rohstoffgewinnung (man könnte auch Raubbau dazu sagen) erhebliche Investitionen, die nur von wenigen aufgebracht werden können. Daher erfolgt auch die Preisbildung in oligopolartigen Marktstrukturen; insbesondere der Abbau mineralischer und fossiler Stoffe konzentriert sich auf wenige multinationale Konzerne. Bei den letztgenannten Ressourcen lautet das Wohlfühl-Stichwort „Energieproduktion“, obwohl jeder, der die Schule besucht hat, weiß, dass man Energie nicht produzieren kann. Aber wir brauchen diese Wörter, denn auf ihnen und damit der Ideologie des unbeschränkten Wachstums ist unser Wirtschaftssystem aufgebaut: Aus einem Rohstoff stellen wir ein Produkt her, welches wir verkaufen, um Geld dafür zu bekommen, das wir wieder in den Kauf von Rohstoffen investieren können. Würden wir nicht so tun, als könnte man Energie produzieren, müssten wir mit der Tatsache umgehen, dass wir ein Problem haben, und zwar ein grundlegendes: Wir verfügen nicht über genügend Rohstoffe, um diesen Kreislauf immerfort am Leben zu halten. Eigentlich funktioniert der Kreislauf sowieso überhaupt nicht bzw. nur deshalb, weil so viele Menschen für ihre Arbeit nicht bezahlt werden (dafür müssten wir sonst ja letztendlich aufkommen) respektive daran sterben. Sowohl die Bergbaukonzerne als auch die Vertriebsunternehmen müssten die Kosten für die von ihnen verursachten Schäden tragen und an uns, die Endverbraucher, weitergeben. Wenn wir für Hinterbliebene, Tote und Umweltschäden aufkommen müssten, könnte sich wahrscheinlich nur das obere Zehntel der Bevölkerung ein Handy leisten. Und damit hätten wir noch nicht mal die Kosten für die Folgeschäden in Rechnung gestellt, nämlich den zukünftigen Mangel an dem, was wir heute so munter und sonder Zahl konsumieren.
Für alle Interessierten: Gerade erschien im Salis-Verlag (Zürich) das Buch „Rohstoff – das gefährlichste Geschäft der Schweiz“ von Lukas Bärfuss, herausgegeben von der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern.



