Kinder und Konsum: Auseinandersetzungen, die man mit seinen Halbwüchsigen führen muss
Eintrag vom: 29.10.2011
Kürzlich teilte mir mein elfjähriger Sohn mit, er würde jetzt gern sein Bankkonto leeren, um sich ein neues iPad zu kaufen. Aktieninhaber von Apple werden sich zweifellos darüber freuen – ich allerdings nicht so sehr. Denn im Gegensatz zu ihm weiß ich bereits, was passieren kann, wenn man den Umgang mit Geld nicht rechtzeitig lernt. Rechtzeitig bedeutet in unserer Gesellschaft „je früher, desto besser“, denn Kinder und Teenager sind ein beliebtes Ziel der Marketingstrategen (wie man an meinem Sohn sehr gut sehen kann, denn wofür sollte ein Teenager ein iPad benötigen? Aber das ist ein anderes Thema).
Dieses Erlebnis nötigte mich, eine unschöne Wahrheit zuzugeben: In bestimmter Weise zahlt mein Sohn jetzt für die Fehler, die ich in Bezug auf Geld gemacht habe.
Als ich in seinem Alter war, habe ich nicht einfach nur Comics gekauft – ich habe mein Geld für alles Mögliche ausgegeben, das mir gerade interessant vorkam. Und wenn ich nicht gerade am Ausgeben war, habe ich mein Geld, das ich durch Zeitungsaustragen verdiente, gehortet: Für genau null Prozent Zinsen in einer Blechdose oben auf dem Bücherregal.
An meinen Eltern lag es nicht, sie haben mir schon früh ein Sparbuch geschenkt und mich auch dazu ermutigt, etwas einzuzahlen. Sie haben mich allerdings nichts gezwungen. Das Sparbuch landete dann in irgendeiner Schublade, und das Geld, wenn welches da war, in der besagten Dose. Ich habe es behandelt wie einen Wegwerfartikel, was es in diesem Alter ja auch irgendwie war. Später allerdings sind diese schlechten Gewohnheiten leider wie Geister, die ich nicht gerufen habe, zurückgekommen und haben dieses Mal auch meine Familie betroffen.
Zweistellige Konsequenzen
Zu Zeiten meiner Jugend war die Summe, die ich auf der Bank deponiert hatte, sehr gering, und entsprechend waren auch die Zinsen. So entging mir das Konzept des Geldsparens – bis ich es dann irgendwann auf umgedrehtem Weg doch lernte, nämlich anhand der zweistelligen Zinsraten, die ich für meine Kreditkartenschulden bezahlen musste. Mit 27 Jahren hatte ich dann nicht nur einen Universitätsabschluss und eine Frau, sondern auch Schulden im Wert von mehr als 25.000 Euro. Willkommen in der Erwachsenenwelt!
Irgendwie sind wir aus diesem Loch herausgekommen – nur um dann ins nächste zu fallen, als ich meinen Beruf wechselte. Unsere Ausgaben übertrafen bei weitem das Einkommen eines Selbstständigen, während die Steuern und Krankenversicherungstarife immer weiter stiegen.
In der letzten Zeit ist unsere Situation einfacher geworden, aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, das alles sei kein Problem mehr. Ein ordentlicher Anteil an diesen langjährigen Schwierigkeiten geht auf meine frühe Unfähigkeit zurück, den richtigen Umgang mit Geld zu lernen.
Aussteigen aus dem Teufelskreis
Was nun meinen Sohn und sein Pläne betrifft: Meine Frau und ich haben uns etwas überlegt, von dem wir glaubten, es sei ein einfacher und guter Plan. Wir erklärten ihm, er könne das iPad kaufen, aber er dürfe dazu nur die Hälfte seines Angesparten verwenden. Wir wollten, dass die andere Hälfte dessen, was er sich zusätzlich zum Taschengeld durch Rasenmähen und so weiter verdient hatte, auf der Bank bleiben würde. Sieh es als Geld für den Notfall an, rieten wir ihm.
Wir stellten uns vor, dass er im Monat mindestens auf eine Summe von 70 oder 80 Euro kommen könnte, die dann zu immer größeren Summen heranwüchse, wenn er älter würde und besser bezahlte Arbeiten übernehmen könnte. Er hätte damit die Möglichkeit, sich Bedürfnisse zu erfüllen – aber eben erst, nachdem er gelernt hat, das Vergnügen ein wenig aufzuschieben.
Als wir ein bisschen länger darüber sprachen, merkte ich, dass er sich bestraft fühlte. Plötzlich führten wir ein „Ihr versteht mich einfach nicht“-Gespräch; meine guten Absichten waren auf einmal nicht anderes als die üblichen Platitüden, die Eltern ihren halbwüchsigen Kindern erzählen: „Irgendwann wirst du es schon verstehen“. Alles Sachen, die ich früher gehasst habe, als ich so alt war wie er.
Die Schwächen des Vaters und die Stärken des Sohns
Später erkannte ich, worin das Problem eigentlich bestand: Mein Sohn ist gar nicht so wie ich in seinem Alter. Dies ist der Junge, der im Sommer aus dem Nichts ein Rasenpflege-Unternehmen hochgezogen hat. Er hat geknausert, gespart und regelmäßig Geld auf die Bank gebracht. Ende August hatte er es geschafft, mehr als 700 Euro zu sparen – nicht genug, um das MacBook Air zu kaufen, das er haben wollte, aber genug, um unser Interesse an seinem Vorhaben zu wecken. Er hatte es verdient, dass wir ihm den Rest dazu gegeben haben. Als es dann endlich angekommen war, hätte er nicht glücklicher sein können – und nutzt es tatsächlich, um seine Termine zu organisieren und zum Beispiel Präsentationen für die Schule daran auszuarbeiten.
Wenn ich jetzt noch mal über dieses Gespräch nachdenke, muss ich feststellen, dass ich mehr als heuchlerisch war. Im Endeffekt haben wir ein Kind bevormundet und gezankt, das seine Fähigkeit zum Sparen und zum Umgang mit Geld längst bewiesen hatte. Der Unterschied, und auch der Grund für unsere Einwände, ist, dass wir seine Wunschäußerung als Zeichen für eine Gewohnheit missverstanden haben – und, meine eigene Geschichte im Hinterkopf, ihm zu der richtigen Einstellung verhelfen wollten.
Ein besseres Kind, als wir es verdient haben
Erfreulicherweise hat diese Geschichte einen glücklichen Ausgang. Etwa zwei Stunden nach unserem Gespräch gab unser Sohn nach. Er erschien in unserem Schlafzimmer, in der Hand ein Bündel Geldscheine, die zur Deponierung auf der Bank bestimmt waren. „Das war’s doch, was ihr wolltet, oder?“ fragte er mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme. „Nein“, antwortete ich, „Ich will nicht, dass du traurig bist. Ich will bloß, dass du nicht dieselben Fehler machst wie ich.“
Er schüttelte einfach nur den Kopf, und die Sache war gegessen. Tatsächlich ist das mehr, als ich hätte verlangen können. In seinem Alter war ich ganz und gar nicht so flexibel. Jetzt bin ich einfach dankbar, dass er seinem alten, nervigen, wohlmeinenden Vater ernsthaft zuhört.



