Berufe, für die man keinen Uni-Abschluss braucht
Eintrag vom: 12.09.2011
Für diejenigen, die sich gerade auf Jobsuche befinden, bedeutet ein „guter Job“ möglicherweise soviel wie „überhaupt irgendeiner“. An der Uni fragt man sich, was der Abschluss eigentlich wert sein wird, und das nicht erst seit Bologna. Auch die Diplomabgänger haben zu kämpfen; und das Klischee des Taxi fahrenden Magisters ist längst manifest. Fragt man etwa angehende Kulturwissenschaftler, was sie nach ihrem Studium machen werden, lautet die Antwort oft „Taxi fahren wahrscheinlich“, oder, in der modernen Variante: „Hartzen“.
Wer seinen Abschluss schon in der Tasche hat, muss den Versuch des sofortigen Einstiegs in das Erwerbsleben abwägen gegen den Erwerb diverser Zusatzqualifikationen, die zwar hoch erwünscht sind, aber zu Lasten der überall eingeforderten Erfahrung gehen und natürlich nicht bezahlt werden.
Bildung vs. Erfahrung, oder: Die Crux des langen Lernens
Tatsächlich zieht in der öffentlichen Einstellung zu Bildung und Erfahrung letztere immer den Kürzeren – jedoch nur, wenn man sich für eines entscheiden muss. Wer versucht, sich mit reiner, universitär erworbener Bildung für den Beruf seiner Wahl zu rekommandieren, wird in der Absage gern auf seine mangelnde Praxiserfahrung verwiesen. Sicher kann man dem nachkommen und sich in einer Vielzahl von unbezahlten Praktika den vermeintlichen Schlüssel zur festen Anstellung besorgen, doch ist man dann eventuell irgendwann zu alt für das neue, junge, dynamische Profil, das sich so viele Unternehmen zulegen zu müssen glauben.
Zu Lego- und Playmobilzeiten sah das Ganze doch so einfach aus: Der Feuerwehrmann ist einfach Feuerwehrmann und war nicht vorher Buchhändler und LKW-Fahrer. Doch sobald das Spielzeug auf dem Dachboden gelandet ist, lernt man in der Schule, dass man umso besser dasteht, je höher der Bildungsabschluss ist - und man sich ohnehin nicht darauf einstellen sollte, Zeit seines Lebens nur einen Beruf auszuüben. Vielleicht ist sind die kleinen Legomännchen daran schuld, dass wir bei Berufen, die kein Unizertifikat erfordern, gleich an Klempner und Mechaniker denken und Leute wie Bill Gates, Inbegriff des self-made man, vergessen.
Sprechen wir es einfach aus: Es könnte sein, dass diejenigen unter uns, die den Weg einer kosten- und zeitintensiven Bildung gegangen sind, übertölpelt wurden. Wir verlassen das System und haben nicht viel mehr vorzuweisen als einen kurzen Lebenslauf und beträchtliche Schulden. Wie ist es möglich, dass Absolventen nur Jobs bekommen, für die sie überqualifiziert sind, während Arbeitgeber einen Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften beklagen?
Eine Erhebung unter Personalchefs stellte die Frage „Was ist für Sie mehr wert: Bildung oder Erfahrung?“ - und erhielt als Antwort einen überwältigenden Konsens in der Bevorzugung von Erfahrung. Ein akademischer Grad könne demnach in manchen Fällen ein Türöffner sein, doch sei Erfahrung letztendlich der wichtigste Faktor für die Einstellung. Einer der Befragten etwa sagte aus, die Universität lehre Theorie, und nach seiner persönlichen Erfahrung (sic) funktioniere das Theoretische auch nur in der Theorie. Ein anderer berichtet: „Als Verantwortlicher für Einstellungen und finaler Entscheidungsträger kann ich Ihnen sagen, was ich in langen Jahren gelernt habe: Ein akademischer Grad ist nur ein Stück Papier. Es sagt nichts über die Fähigkeit des Kandidaten aus, sich in seiner Position von anderen abzuheben. Es bedeutet nicht, dass man Erfahrung in der harten Schule des Lebens hat.“
Daher erinnern wir an dieser Stelle ohne weitere Umstände an fünf Berufe, für die man keinen Universitätsabschluss braucht.
Journalist
Es besteht wohl kaum Zweifel daran, dass man mit einem Master in Journalismus, aber ohne je etwas veröffentlicht zu haben, bei einer Zeitungsredaktion abgelehnt wird: Zu Gunsten des Typen, der schon mit 17 Jahren im Redaktionsraum Kaffee gekocht und sich den langen Weg hochgearbeitet hat. Einige der weltweit reichsten Medienmogule sind von der Uni geflogen; die meisten angesehenen Journalisten, Herausgeber und Produzenten verfügen über mehr Talent, Entschlossenheit und Hingabe und haben mehr Zeit und Arbeit für Nachrichten aufgewendet als Geld für gerahmte Abschlüsse. In diesem Berufsfeld sollte man also, egal ob man Kriegsreportagen oder Reiseberichte schreiben will, eher anfangen zu schreiben und Kontakte zu knüpfen als seine Zeit im Klassenraum abzusitzen.
Luxushotelmanager
Okay, man fängt wohl eher als Kellner an, aber die Hotelindustrie ist ein sehr durchlässiges Gewerbe. Vom Mädchen für alles bis zum Manager eines angesehen Hotels kann man sehr schnell aufsteigen, wenn man den Willen hat und von der Pike auf lernt: Hier ist Erfahrung alles. Das Gastgewerbe ist die Kunst, den Menschen ein Gefühl des Willkommenseins und Wohlbehagens zu vermitteln, während man gleichzeitig Probleme löst und Innovationen voranbringt, um im Wettbewerb zu bestehen. Jahrelange Erfahrung und Vertrautheit mit diesem vielseitigen Beruf sind da mehr wert als theoretisches Lernen.
IT-Sicherheitsspezialist
Die Ausbildung sagt dem Arbeitgeber, was man gelernt hat, aber erst die Erfahrung gibt Aufschluss über das tatsächliche Können. Nirgends ist das relevanter als in der sich schnell bewegenden IT-Welt, wo die Arbeit für sich selbst spricht und das Diplom einer hoch angesehenen Uni nichts über die Hackerfähigkeiten aussagt. Wenn ein Unternehmen oder eine Organisation sensible Daten schützen will, dann sucht es sich den Menschen mit der größten Erfahrung. Man kann natürlich einen Abschluss in Informatik machen, aber wenn man bereits im Schlaf einen Computer programmieren kann und vertraut mit Netzwerktechnologie ist, braucht man bloß noch Wissen über Risikomanagement und kann loslegen. Für Netzwerk- und Systemsicherheitsadministratoren und Datensicherheitsspezialisten gibt es nicht nur gute Bezahlung, sondern auch einen stetig expandierenden Markt – bis hin zu Aufstiegschancen z.B. in den Bereich der Verfolgung ernsthafter Cyberkriminalität.
Musikproduzent
Wenn man ein besonderes Ohr für Musik hat und Lust, die wirklich großen Projekte zu betreuen, dann will man im Sessel des Musikproduzenten sitzen. Tontechnik-Produzenten brauchen praktische Fertigkeiten wie Erfahrung am Mischpult und in der Postproduktion, aber als ausführender Produzent muss man nur das business kennen, mit den richtigen Leuten befreundet sein und einen überaus guten Instinkt für Neues haben. Vom Erfolg abhängig variieren die Gehälter recht stark, doch Vergünstigungen und der Lebensstil halten Aficionados locker bei der Stange. Die fallenden Verkaufszahlen in der Musikindustrie mögen abschreckend wirken; doch wenn man das Potenzial des Onlinegeschäfts für sich zu nutzen weiß und einen guten Riecher hat, muss einen das nicht kümmern.
Kriminalermittler
Erfahrung in der Polizeiarbeit, auch auf der Straße, und ein Netzwerk von Informanten nützen Anwärtern auf den Posten des Kriminalermittlers weit mehr als ein Universitätsabschluss. Zwar werden für die höheren Posten bevorzugt Leute mit höherem Bildungsgrad genommen, doch es zählen auch gute Ergebnisse in der psychologischen Eignung, Arbeitserfahrung, körperliche Fitness, Kenntnis des Rechts, Mehrsprachigkeit und exzellente Kommunikationsfähigkeiten. Ein guter Start sind fünf Jahre bei der Truppe, um dann den Aufstieg in den Ermittlungsbereich zu beginnen. Alternativ kann man auch sein eigenes Büro als Privatermittler aufmachen – wenn man darin gut ist, erledigt Mundpropaganda den Rest und man bleibt im Geschäft.



