Sorry: Es ist das Talent, was zählt


talent-fleiss

von Matthias Hofmann

Eintrag vom: 22.11.2011

Die Debatte, wie genau Menschen herausragende Fähigkeiten in den Wissenschaften, Künsten, beim Sport oder im Geschäftsleben entwickeln, hat in der Psychologie eine lange Tradition und wurde bereits recht intensiv geführt. Im Kern dreht sie sich um die Frage, was wichtiger sei: Talent oder Übung.

Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat bestätigt, daß Übung einen großen Einfluß auf die individuelle Leistung hat - genauer gesagt: je mehr Übung, desto besser. So fand eine Studie der Florida State University heraus, daß die besten Violinen-Schüler im Alter von zwanzig Jahren mehr als 10,000 Übungsstunden hinter sich hatten, die lediglich guten nur 8,000 und die schlechtesten gar nur 5,000. Dieses Ergebnis wurde geradezu freudig aufgenommen, besticht es doch durch seine meritokratische Aussage und gibt jenen Hoffnung, denen die Natur keine überdurchschnittliche Intelligenz gegeben hat.

Zahlreiche bekannte Autoren, unter anderem Malcolm Gladwell, schlossen sich dieser Auffassung an und schlußfolgerten, daß ab einer bestimmten Schwelle (120) zusätzliche IQ-Punkte kaum nennenswerte Vorteile in der realen Welt brächten. Der IQ sei lediglich ein verläßlicher Indikator dafür, wie schnell ein Individuum mit neuen Aufgaben klarkomme, aber nach ein paar Jahren Erfahrung sei seine Aussagekraft bei der Bewertung der individuellen Leistung minimal, schloß sich David Brooks, Kolumnist der New York Times, an. 

Jüngste wissenschaftliche Studien hingegen zeigen ein anderes Bild. Intellektuelle Fähigkeiten haben doch einen großen Einfluß auf die individuelle Leistung, und das nicht nur bis zu einem bestimmten Punkt. 

In einer Studie der Vanderbilt University wurden die akademischen und beruflichen Verdienste von 2,000 Individuen untersucht, die im Alter von 13 Jahren SAT-Scores (dieser Test dient in den USA dazu, die Studierfähigkeit von Studienbewerbern zu ermitteln) im 99. Perzentil erreicht hatten. Das Ergebnis war überraschend. Die allerbesten, also jene, die im 99.9. Perzentil waren, hatten eine drei- bis fünfmal höhere Wahrscheinlichkeit, einen Doktortitel zu erwerben, ein Patent anzumelden, einen wissenschaftlichen Artikel zu veröffentlichen oder literarisch tätig zu werden als jene, die sich "nur" im 99.1. Perzentil befanden.

In einer weiteren Studie der Michigan State University wurde die Bedeutung der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses bei der Ausführung komplexer Tätigkeiten untersucht. Diese Studie hatte zum Ergebnis, daß zwar Erfahrung bei der Erledigung komplexer Arbeiten eine wesentliche Rolle spielt, die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses aber trotzdem einen statistisch signifikanten Anteil an der Leistung hat. Anders ausgedrückt: läßt man zwei Menschen mit gleicher Erfahrung die gleiche Arbeit ausführen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit derjenige besser, der über das bessere Arbeitsgedächtnis verfügt.

Natürlich wäre es angenehm, wenn jeder Mensch ungeachtet seiner genetisch gegebenen Intelligenz durch ausreichend Übung das gleiche Maß an Fähigkeiten erwerben könnte, aber dem ist objektiv nicht so. Mit ausreichend Übung läßt sich viel zum Positiven bewegen - jedoch nicht alles.

 

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