Was kommt zuerst - Sparen oder Schulden bezahlen?


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von Mia Kirschner

Eintrag vom: 08.09.2011

Für viele Haushalte ist es ein finanzielles Dilemma: Sollten sie zuerst versuchen, ihre Schulden abzutragen, oder eher eine Rücklage aufbauen? Was für den einen richtig ist, muss für den anderen noch lange nicht stimmen

Die Bundesregierung immerhin hat mit der Schuldenbremse eine Antwort auf diese Frage gefunden. Angesichts einer immensen Staatsverschuldung, der prekären Wirtschaftslage, der Angst um die Stabilität der Währung und dem bereits erfolgten finanziellen Kollaps einiger Länder scheint es unumgänglich, den Kapitalmotor erst mal zu drosseln. Schuldenfrei wird das Land ohnehin nie sein – doch die Kreditnahme ist in der globalen Wirtschaft der Normalfall und kaum auf den Einzelnen übertragbar.

Was also ist für den Normalbürger die richtige Entscheidung, um den eigenen Haushalt zu sanieren, zu schützen oder ins richtige Fahrwasser zu bringen? Eine Frage der Opportunitätskosten Auf den ersten Blick scheint es das Beste zu sein, zuallererst seine Schulden abzutragen – doch betrachtet man den Kostenaufwand, wird die Sache schon schwieriger. „Wenn man bereits einen Grundstock an Angespartem hat, ist es eine gute Idee, seine Schulden zu bezahlen, ehe man das Geld weiter zurücklegt“, sagt Harrine Freeman, Autorin des Buches How to Get Out of Debt: Get an "A" Credit Rating for Free. Dem Verringern der Schulden oberste Priorität zu geben ist auf jeden Fall sinnvoll, wenn Sie zu denjenigen gehören, die sonst nachts nicht schlafen können, wenn Sie gerade versuchen, den Grad der Verschuldung zu verringern, um Ihre Kreditwürdigkeit zu verbessern, oder wenn Sie wissen, dass es Ihnen mehr nützt, jetzt die Schulden zu tilgen, um die Summe später zur freien Verfügung zu haben, so Rich Arzaga, Gründer des Cornerstone Wealth Mangement.

Generell verhält sich der Nutzen des Abzahlens direkt proportional zur Zinsbelastung. Kreditkartenschulden zum Beispiel, die oft mit über 20% Zinsen zu Buche schlagen, sollten immer als Erstes bedient werden, so der geprüfte Finanzplaner Michael Kresh. Doch bei allen Fragen zur Verteilung des Geldes sollte man die Opportunitätskosten mit bedenken, zum Beispiel: Sind die Zinsen, die Sie für geliehenes Geld bezahlen, höher oder niedriger als die Rendite, die Sie mit einer alternativen Investition der Summe erzielen könnten? Hat man etwa Kreditkartenschulden mit 14%, dann gewinnt man mit dem Abbezahlen quasi 14% der Summe – ein höherer Profit, als man wahrscheinlich bekäme, ließe man das Geld woanders. Und wenn das Geld von einem Bankkonto mit niedrigen Zinsen stammt, verdient man noch mehr daran, das Plastikgeld abzuzahlen. Auf der anderen Seite kann man seinen Nettogewinn auch erhöhen, indem man seine Hypothek mit 3,5% - 4% Zinsen refinanziert und ein gering verzinstes Darlehen noch nicht abbezahlt, sondern das Geld profitabel investiert, so Kresh.

Plädoyer für das Sparen

Nicht alle stimmen darin überein, dass Schulden vor allem anderen zu begleichen sind.

Seine Schulden zu bezahlen, noch ehe man einen Notgroschen zurückgelegt hat, macht keinen Sinn, sagt zum Beispiel Kevin Lynch, Dozent bei The American College. Ein finanzielles Polster anzulegen sollte nach seiner Ansicht immer das erste Gebot sein.

Es kann auch falsch sein, seine Schulden so schnell wie möglich abzutragen, zum Beispiel wenn man danach den Mehrbetrag einfach verprasst, wenn man die Zinsen bei der Einkommenssteuer geltend machen kann, oder wenn man ohnehin in der Lage ist bzw. sein wird, seine Schulden in absehbarer Zeit zu bedienen, sagt auch Rich Arzaga. Grundsätzlich sollte jeder Mensch zehn Prozent seines Einkommens beiseite legen, so die Meinung von Thomas Fox, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit bei Cambridge Credit Consulting. Anders als in Amerika und europäischen Ländern nehme man das etwa in Japan sehr ernst: Dort sparen die Menschen 25% ihres Einkommens; in China sind es sogar 50%. In dieser unsicheren Wirtschaftslage sollte man dafür Sorge tragen, genügend Geld verfügbar zurückzulegen, um mindestens zehn Monate lang alle anfallenden Kosten decken zu können, so Fox.

Wenn Sie sich dafür entscheiden, dem Schuldenabbau Priorität einzuräumen, entspannen Sie sich nur nicht zu sehr, wenn alle Schulden abgetragen sind: Suchen Sie sich stattdessen ein anderes, größeres Ziel und legen Sie den Betrag, den Sie bisher für die Abzahlung aufgewendet haben, dafür an – sei es ein neues Auto, der Ruhestand, Bildung, Reisen oder was immer Ihnen am Wichtigsten ist.

Idealerweise, wenn es auch selten der Fall sein mag, bedient man beides gleichzeitig. So baut man einerseits ein Polster für Notfälle und schlechte Zeiten auf und trägt andererseits seine Schulden ab und verbessert dadurch seine Kreditwürdigkeit und sein finanzielles Leben.

 

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