Hans-Werner Sinn und der Ökonomenaufruf


am 18.08.2012 – 33 mal gelesen.

Heute morgen überrascht das Münchener Ifo-Institut mit einer merkwürdigen Pressemitteilung.

Die Denkfabrik erklärt, Hans-Werner Sinn sei für den Aufruf der deutschsprachigen Ökonomen gegen die Ausweitung des ESM auf die Bankenrettung nicht verantworlich, sondern nur einer von 250 Unterzeichnern.

In der Pressemitteilung heißt es:

“In den vergangenen Tagen wurde in der Presse mehrfach geschrieben, dass Prof. Sinn den Aufruf der deutschsprachigen Ökonomen gegen die Ausweitung des ESM auf die Bankenrettung, der am 5. Juli auf den Online-Seiten der FAZ erschien, initiiert habe.

Diese Behauptung ist falsch. Der Aufruf wurde von Prof. Walter Krämer, Technische Universität Dortmund, initiiert und formuliert. Richtig ist, dass Prof. Sinn als einer von mittlerweile 250 deutschsprachigen Ökonomieprofessoren unterschrieben hat und – wie viele andere auch – Vorschläge zur Änderung des Textes gemacht hat. An der Anwerbung von Mitunterzeichnern war Prof. Sinn nicht beteiligt.”

Diese Erkärung ist  aus mehreren Gründen erstaunlich.

Vor allem, weil Walter Krämer in der E-Mail, mit der er vor der Veröffentlichung des Aufrufs um Unterschriften warb, ausdrücklich Bezug auf Sinns Mitarbeit an den Text nahm.

Wörtlich heißt es in der E-Mail, die Krämer am Abend des 3. Juli an zahlreiche Ökonomie-Professoren verschickte und die dem Handelsblatt vorliegt:

“Liebe Kolleginnen und Kollegen,

was halten Sie – was haltet Ihr – von dem beigefügten Aufruf, den ich zusammen mit H. W. Sinn (und redaktioneller Unterstützung von Manfred Deistler) verfaßt habe?

Aus der Adresszeile der E-Mail geht hervor, dass auch Hans-Werner Sinn selbst eine Kopie dieser E-Mail erhalten hat – vor mehr als zwei Wochen. Ob er bei Walter Krämer protestiert hat, ist nicht bekannt.

Update: Walter Krämer hat in einer Mail an meine Kollegin Dorit Heß seine  oben zitierte Formulierung, er habe den Aufruf gemeinsam mit Sinn verfasst,  als “vielleicht etwas irreführend” bezeichnet. Zur Entstehungsgeschichte des Aufrufs schreibt Krämer:

“Die Idee kam von mir, angeregt durch die Kollegen Deistler und Hoderlein. Mein Freund Hans-Werner Sinn war zu der Zeit nicht im Land . Ich habe ihm unaufgefordert meinen Entwurf geschickt, mit der Bitte um Kommentar, er hat ihn redigiert (und nach ihm noch viele andere, es waren etwa fünf Leute an der Endfassung beteiligt).”

Auch im ersten Bericht der FAZ wird die besondere Rolle  von Sinn beim Verfassen des Aufrufs hervorgehoben. Krämer habe den Brief “zusammen mit dem Ifo-Präsidenten Hans-Werner Sinn verfasst”, heißt es dort.

Auffällig ist zudem, dass sich nicht nur die inhaltiche Argumentation, sondern auch einige  Formulierungen des Aufrufs sehr eng am Wortlaut eines Interviews bewegen, das Hans-Werner Sinn wenige Tage vor der Initiierung des Aufrufs meiner Handelsblatt-Kollegin Dorit Heß gegeben hatte.

Dort antwortete Sinn zum Beispiel auf die Frage, ob durch der Euro durch den Brüsseler Gipfel gerettet sei:

“Nein. Wall Street, die City of London und die Pariser Banken wurden gerettet

Im wenige Tage später in der FAZ veröffentlichten Aufruf heißt es:

“Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet; geholfen wird statt dessen der Wall Street, der City of London – auch einigen Investoren in Deutschland – und einer Reihe maroder in- und ausländischer Banken.”

Auf die Tatsache, dass Sinn eine besondere Rolle bei dem Ökonomen-Aufruf gespielt hat, deutet zudem die Tatsache hin, dass er am 9. Juli die Inititive in einem gemeinsam mit Krämer verfassten Text in der FAZ gegen die Kritik verteidigt hat.

 

Update II: Die Pressestelle des ifo Instituts hat sich in einem Kommentar hier im Blog zu Wort gemeldet und erklärt:

“Mit der Pressemitteilung will sich Prof. Sinn nicht von dem Aufruf distanzieren. Er möchte nur, da nun so viel Wirbel um seine Person gemacht wird, während die über 250 Mitunterzeichner vergessen werden, darauf hinweisen, dass Prof. Krämer den Aufruf initiiert hat.

Prof. Sinn war überrascht, dass er in der Presse in den Mittelpunkt gestellt wurde, weil er weder der erste war, mit dem Prof. Krämer Kontakt hatte, noch in irgendeiner Form bei der Anwerbung von Mitunterzeichnern für den dann in der FAZ erschienenen Text beteiligt war. Er hat aber wie andere auch einen Formulierungsvorschlag geliefert.

Richtig ist hingegen, dass Prof. Sinn an der gemeinsam mit Krämer verfassten Erwiderung in der FAZ federführend beteiligt war. Dadurch dass beide hier gemeinsam als Autoren wirkten, ist vermutlich der Eindruck entstanden, dass er (Sinn) auch der Initiator des ursprünglichen Textes war.

Prof. Sinn kannte im Übrigen die Formulierung des Rundbriefes nicht, den Sie wiedergeben, was daran gelegen haben mag, dass er zu der Zeit in den USA war und nicht immer erreichbar war.

Prof. Sinn war positiv überrascht, dass so viele Professoren unterschrieben hatten. Er hatte gedacht, es gehe Krämer darum, einen kleineren Kreis von Mitautoren zu finden.

Das alles ist keine Ex-Post-Relativierung der Unterstützung, sondern nur die einfache Wahrheit.”

Eine ähnliche Erläuterung  hat uns das Ifo-Institut heute auch auf unsere Anfrage geschickt , wir zitieren daraus in unserer morgigen Printausgabe.

Zu guter letzt noch ein Hinweis von mir: Ich schreibe an keiner Stelle, Sinn habe sich vom Aufruf distanziert.

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