Der publizistische Amoklauf des Walter Krämer


am 24.08.2012 – 39 mal gelesen.

Mein Düsseldorfer  Kollege Jan Mallien hat eine ziemlich unglaubliche Story ausgegraben: In einem Interview mit der Studentenzeitung “Pflichtlektüre” hat der  Dortmunder Statistik-Professor  Walter Krämer  einen publizistischen Amoklauf hingelegt.

(Update: Nach dem Handelsblatt-Bericht hat Walter Krämer das Interview mit der Studentenzeitung überarbeitet und die kritischen Passagen herausnehmen lassen – mehr dazu unten.  Die Original-Fassung ist allerdings noch hier verfügbar.

Noch ein Update: Meine Kollegen von Handelsblatt.com haben heute mit Krämer gesprochen: Das Interview mit der “Pflichtlektüre” sei nicht authorisiert worden, er habe sich bei Bofinger entschuldigt.)

Seinen Kollegen Peter Bofinger, der den von Krämer initiierten Ökonomenaufruf hart kritisiert hat, bezeichnet Krämer als “akademische Nullnummer”. Und den “Spiegel”-Journalisten, der einen kritischen Artikel über Hans-Werner-Sinn geschrieben hat, möchte Krämer am liebsten “erwürgen und an die Wand klatschen”.

Bislang hatte ich den Aufruf selbst für den Tiefpunkt der akademischen Debatte über die Euro-Krise gehalten, aber dieses Interview toppt die Sache gewaltig. Das ist auf einem Niveau mit anonymen Kommentatoren, die hier im Blog Leuten, die anderer Meinung sind, offen gedroht haben: “Machen Sie ruhig so weiter, wenn die Stimmung im Volk kippt wird man sich an Sie erinnern.”

Jetzt ist Krämer aber kein anonymer Blog-Kommentator, sondern Mitherausgeber des “German Economic Review”, den der Verein für Socialpolitik herausgibt. Die traditionsreiche deutschsprachige Ökonomenvereinigung muss sich meiner Meinung fragen lassen, ob jemand, der einem Journalisten öffentlich körperliche Gewalt androht, wirklich der richtige Mann für diese Aufgabe ist.

Ich habe mir ja  von einer Reihe von Leuten einig Kritik anhören müssen für meine Frage, ob wir nach dem Aufstieg der Wutbürger nun auch den Siegeszug der Wutökonomen erleben. Insofern bin ich Walter Krämer fast dankbar, weil er jetzt eine klare Antwort auf diese Frage gibt.

Krämer  selbst aber behauptet in dem Interview: “wenn sich hier jemand im Ton vergreift, dann sind das die anderen”.

 

Update: Walter Krämer hat, wie hier schon einige Kommentatoren angemerkt haben, sein Interview in der Studentenzeitschrift “Pflichtlektüre” offenbar überarbeiten lasen – die von meinem Kollegen Jan Mallien zitierten Passagen, die ich heute nachmittag ebenfalls in dem online veröffentlichten Interview gelesen habe, fehlen jetzt.

IMK-Chef Gustav Horn, der das Interview auf seiner Facebook-Seite kommentiert hatte, erhielt dazu von Krämer folgende Nachricht, die Horn auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte:

“Sehr geehrte Damen und Herren,

ich falle gerade aus allen Wolken, im Handelsblatt einen nicht autorisierten Mitschnitt einer flapsigen Nebenbemerkung während eines Interviews zu finden.

Den von Ihnen zitierten Text hatte ich bis heute Mittag nicht gesehen. Sie dürfen gerne in der Redaktion der Pflichtlektüre nachfragen. Die autorisierte Fassung des Interviews finden Sie hier: http://www.pflichtlektuere.com/

Wie Sie darin sehen, bemühe ich mich nach Kräften um das Gegenteil dessen, was Sie mir vorwerfen. Nämlich die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Ansätze herauszustellen.Und bei dem Kollegen Bofinger werde ich mich für diesen faux pas entschuldigen.

Was treibt eigentlich das Handelsblatt, mit aller Gewalt eine allenfalls auf persönlicher, aber kaum auf wissenschaftlicher Ebene existierende Frontenbildung zwischen deutschen Ökonomen zu erfinden?

Mit irritierten Grüßen Walter Krämer”

Nur der Vollständigkeit halber: Die angeblich nicht autorisierte Fassung des Interviews, das Krämer der “Pflichtlektüre” gab, hatte die Studentenzeitung am 17. Juli als Frage-Antwort-Interview auf ihrer Internet-Seite veröffentlicht. Google Cache gibt es leider nicht mehr her, und zumindest ich habe es auch nicht gesichert. Wir werden versuchen herauszukriegen, was da hinter den Kulissen bei der “Pflichtlektüre” passiert ist. Aber was ich wirklich merkwürdig finde ist, dass Krämer jetzt uns versucht, die Schuld für sein missglücktes Interview  in die Schuhe schieben. Das ist, bitte verzeihen Sie mir diesen Anglizismus, Herr Krämer, shooting the messenger.

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence” und meine Facebook-Seite  - ich freue mich über jedes “like”!

 

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