Deutschlands Ökonomen sinken auf Tsipras-Niveau


am 04.07.2012 – 50 mal gelesen.

Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um Deutschland und die deutschen Ökonomen.  In der morgigen Ausgabe der FAZ erscheint offenbar folgender Aufruf, in dem mehr als 150 deutsche Volkswirte den  Beschluss des Brüsseler Gipfels von letzter Woche heftig kritisieren.

Hier ist er im Wortlaut:

Liebe Mitbürger,

die Entscheidungen, zu denen die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen wurden, waren falsch.

Wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge.

Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen bei den fünf Krisenländern im Bereich von 9 Billionen Euro. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind.

Wenn die Schuldner nicht zurück zahlen können, gibt es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen kann: die Gläubiger selber, denn nur sie verfügen über das notwendige Vermögen und sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen.

Die Politiker mögen hoffen, die Haftungssummen begrenzen und den Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht verhindern zu können.

Das wir Ihnen aber nicht gelingen, da die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen. Wenn die soliden Länder der Vergemeinschaftung der Haftung für die Bankschulden grundsätzlich zustimmen, werden sie immer wieder von neuem Pressionen ausgesetzt sein, diese Summen zu vergrößern. Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind vorprogrammiert. Noch unsere Kinder und Enkel werden darunter leiden.

Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet; geholfen wird vor allem der Wall Street, der City of London und einer Reihe maroder ausländischer Banken, die nun weiter zu Lasten der hart arbeitenden Bürger anderer Länder, die mit all dem wenig zu tun haben, ihre Geschäfte machen dürfen.

Wir bitten Sie, dieses Thema sehr ernst zu nehmen und es mit den Abgeordneten Ihres Wahlkreises zu diskutieren.”

Mir stehen die Haare zu Bege. Abgesehen davon, dass ich inhaltlich komplett anderer Meinung bin, finde ich den Duktus dieses Briefes schwer zu ertragen.

So wird direkt im ersten Satz als Tatsache dargestellt, die Kanzlerin in Brüssel zu einer Entscheidung “gezwungen” worden. Woher bitte nehmen die Unterzeichner bitteschön diese Weisheit? Saß einer von ihnen in Brüssel mit am Tisch?

Insgesamt wird in dem Aufruf aus meiner Sicht ein komplett verzerrtes Bild der Lage gezeichnet.

So ist  die Formulierung, eine Bankenunion bedeute  die “kollektive Haftung für die Schulden der Banken” hochgradig  fragwürdig. Tatsächlich geht es doch um eine Garantie der Spareinlagen, also einen europaweiten Einlagensicherungsfonds.

Sicherlich, die Spareinlagen gehören bilanztechnisch  zu den Passiva einer Bank – aber die Schulden der Geldinstitute gehen  doch deutlich über die Spareinlagen hinaus. Und mir wäre neu, wenn für sämtliche Schulden der Geldinstitute gehaftet werden würde. Es geht doch darum, kriselnde Banken mit staatlichen Mitteln zu rekapitalisieren und nicht darum, ihre Schulden zu übernehmen. Im Gegenzug würde der ESM Anteile an diesen Banken zu erhalten. So, wie es Deutschland bei der Commerzbank gemacht hat, und Großbritannien bei RBS und Lloyds TSB.

Warum es “schlechterdings unmöglich” sein soll, die europäischen Spareinlagen im Rahmen einer Bankenunion zu garantieren, verstehe ich ebenfalls nicht. Sinn einer Einlagensicherung ist es doch, Panik unter den Bankkunden zu vermeiden und einen Bank run zu verhindern. Wenn die Einlagensicherungsgarantie glaubwürdig ist, sorgt sie gleichzeitig dafür, dass sie nicht eingelöst wird – eben weil ein Bank run nicht stattfindet.

Falls das zu einfach ist, als dass unsere  ”Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder” das verstehen können, dann empfehle ich ihnen einen Blick in das Paper “Bank runs, deposit insurance, and liquidity” von Douglas  Diamond und  Philip Dybvig. In dieser 1983 im “Journal of Political Economy” erschienen Arbeit haben die beiden Volkswirte den gleichen Punkt  mit vielen schönen Formeln und in einem komplexen Modell herausgearbeitet.

Mit der Argumentation, der Staat könne keinen  Bank run verhindern, fallen unsere Professoren auf das intellektuelle Niveau von vor der Great Depression zurück. Die Einführung einer staatlichen Einlagensicherung war eine der großen, wichtigen Lehren aus den kaskadenhaften Bankzusammenbrüchen in den 30er Jahren.

In einer Währungsunion, in der der Verbleib einzelner Länder nicht mehr sicher ist, kann nur eine grenzüberschreitende Einlagensicherung Bank runs nachhaltig vermeiden. Denn die Sparer in Spanien oder Italien fürchten nicht darum, dass ihre Bank pleite geht, sondern dass ihre Euro-Spareinlagen über Nacht in eine neue Weichwährung umgetauscht werden. Diese Sorge kann ihnen die nationale Bankenaufsicht nicht nehmen – das funktioniert nur grenzüberschreitend.

Staunen muss ich auch über das Argument, dass eine gemeinsame Bankenaufsicht nicht funktionieren könne, “da die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen”. Das gleiche lässt sich auch für die EZB und die europäische Geldpolitik sagen – dennoch hat die Notenbank bislang keinen Versuch unternommen, von der Anti-Inflationspolitik abzuweichen.

Die EZB ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sehr wohl Institutionen schaffen kann, die unabhängig von den nationalen Interessen der Einzelstaaten agieren.

Warum soll das nicht auch bei einer europäischen Bankenaufsicht gelingen, vor allem, wenn die EZB das Zepter in die Hand bekommt?

Noch aus einem weiteren Grund sind die Zweifel an der Wirksamkeit einer europäischen Bankenaufsicht bizarr. In den vergangenen Monaten war es doch gerade die European Banking Authority (EBA)  in London, die von Europas Großbanken deutlich strengere Eigenkapitalanforderungen verlangt hat als die nationalen Regulierer – gerade von deutschen Wirtschaftspolitikern ist die EBA dafür heftig kritisiert worden.

Zum Beispiel von Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring (CDU), der auch Aufsichtsratschef der NordLB ist: “Warum verlangt die Eba nicht gleich eine Eigenkapitalunterlegung von 100 Prozent”, fragte der rhetorisch, “aber dann brauchen wir keine Banken mehr”.

Anschließend wird der Aufruf aus meiner Sicht unerträglich pathetisch: ”Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind vorprogrammiert. Noch unsere Kinder und Enkel werden darunter leiden.”

Mit nüchterner wirtschaftswissenschaftlicher Analyse hat das nur noch wenig zu tun. Natürlich kann jeder  so schwülstig argumentieren wie er will, aber die Unterzeichner des Aufrufs benutzen ihren wissenschaftlichen Sachverstand als Rechtfertigung dafür, dass sie sich in die Debatte einschalten. Da darf man dann auch ein gewisses analytisches Niveau erwarten dürfen, finde ich.

Ganz schlimm ist auch die dann folgende Passage:

“… geholfen wird vor allem der Wall Street, der City of London und einer Reihe maroder ausländischer Banken, die nun weiter zu Lasten der hart arbeitenden Bürger anderer Länder, die mit all dem wenig zu tun haben, ihre Geschäfte machen dürfen.”

So demagogisch und platt argumentiert eigentlich sonst nur Herr Tsipras von Syriza. Konstruktive Beiträge zur Lösung der Euro-Krise sehen wirklich anders aus.

Zudem bleiben die Professoren eine Antwort darauf schuldig, wie sie denn die Krise lösen möchten. Mit  Strukturreformen, die drei bis fünf Jahre brauchen, bis sie wirken? Oder mit noch mehr Austeritätsprogrammen, die ja schon in den vergangenen drei Jahren so hervorragend funktioniert haben?

So, nachdem ich mir meinen Frust von der Seele geschrieben habe, fahre ich jetzt zur Sommerparty des Makro-Thinktanks OMFIF. Die findet in der Ave Maria Lane statt. Langsam hilft wirklich nur noch beten. Oder trinken.

PS: Gestoßen bin ich auf den Ökonomenaufruf über die Facebook-Seite des IMK-Chefs Gustav Horn, der den Text dort vorab veröffentlicht hat.

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence” und meine Facebook-Seite – ich freue mich über jedes “like”!

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