Großbritannien - wie das Schuldenproblem zur Rezession führen kann


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von Andre Westkamp

Eintrag vom: 03.01.2012

Das Vereinigte Königreich stand bisher noch recht wenig im Focus der globalen Schuldenkrise: die prominenten Plätze nahmen andere Staaten ein. Allen voran die PIIGS-Staaten der Eurozone, für welche die Krise sehr real ist. Griechenland, Portugal und Irland haben sich längst von den internationalen Fremdkapitalmärkten zurückgezogen, Italien und Spanien zahlen für ihre Staatsschuld Rekordzinsen. Auch die USA blieben nicht unberührt, konnten trotz AAA-Verlust und dem weltweit höchsten Schuldenstand (absolut gemessen) steigenden Refinanzierungskosten aber bisher entkommen. Investoren flüchteten aufgrund der Eurokrise massenhaft in Treasuries.

Auch Gilts profitierten von der Schwäche des Euro-Raumes - aus den gleichen Gründen wie Treasuries. Britische Staatsanleihen gelten als sicher, da die Bank of England deren Rückzahlung im Zweifelsfalle unbegrenzt durch die Notenpresse garantieren kann. Dabei hat auch das Vereinigte Königreich ein nicht unerhebliches Schuldenproblem. Das kommt nun langsam zu Tage.

Man kann dem Office of National Statistics - zuständig für die Bereitstellung ökonomischer Daten im UK - nun nicht vorwerfen, es würde wichtige Kennzahlen verschleiern. Selbst für Experten sind diese aber schwer zugänglich. Licht in das Dunkel der britischen Schulden brachte aber jüngst eine Studie von Morgan Stanley. Die Ergebnisse sind alarmierend.

So betrage der britische Gesamtschuldenstand - also öffentliche und private Schulden zusammen - ganze 950 Prozent des BIPs. Zum Vergleich: bei den USA, oft als überschuldet bezeichnet, seien es gerade einmal ca. 320, bei der Euro-Zone etwas mehr als 450 Prozent. Allein der britische Finanzsektor habe Schulden von 600 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung, weitaus mehr als bei jedem anderen Land der Studie. Das allerdings ist nicht verwunderlich, bedenkt man die starke Stellung des Finanzplatzes London.

Diese Zahlen mögen Doppelzählungen beinhalten, doch selbst das britische Finanzministerium geht von einem Privatschuldenstand von ca. 450 Prozent des BIPs aus, von denen wiederum 250 Prozent auf den Finanzsektor entfallen. Grund sei neben einem größeren Anteil von Hypothekenkrediten bei privaten Konsumenten vor allem eine zugenomme Hebelung im Finanzsektor - diese sei im Vereinigten Königreich größer als in jeder anderen entwickelten Volkswirtschaft. Wiederum lohnt sich ein Vergleich mit den USA. Hier erreichte der Privatschuldenstand einen Gipfel von 303 Prozent des BIPs, um danach rasch auf das aktuelle Niveau herabzufallen. Folge war die "Great Recession" - also die Post-Lehman-Rezession.

Splittet man die Privatschulden im Vereinigten Königreich nach Sektor auf, so zeigt sich, daß der relative Wert in jedem Sektor höher als bei den USA ist. Dabei sind die Schulden der Öffentlichen Hand - die sowohl in Europa als auch in den USA stets Gegenstand der medialen Debatten waren bzw. sind - der jeweils kleinste Teil der Gesamtschulden. Die Entschuldung der Öffentlichen Hand kann also das Problem nicht lösen - und eventuell sogar kontraproduktiv sein. Gepaart mit einer privaten Entschuldung könnte das UK damit wie die USA in die Rezession abrutschen.

Die Verschuldung der privaten Haushalte beträgt derzeit ca. 100 Prozent des BIPs und liegt damit ebenfalls höher als in den USA, wenn auch nur geringfügig. Britische Firmen waren da "erfolgreicher" - seit dem Börsencrash von 1987 stiegt die Verschuldung hier um fast das Dreifache, von 38 auf nunmehr 118 Prozent. Diese Zahlen werden aber vom Finanzsektor spektakulär in den Schatten gestellt: betrug die Verschuldung nach dem Börsencrash sowohl im UK als auch in den USA moderate 50 bzw. 40 Prozent des BIPs, explodierte er auf der Insel regelrecht. Der aktuelle Wert liegt bei 261 Prozent - verglichen mit 123 Prozent in den USA.

Das Vereinigte Königreich ist also, am Stand der privaten Schulden pro Kopf gemessen, das am höchsten verschuldete Land der G-20. Das zentrale Problem ist dabei: in einer kredit-basierten Volkswirtschaft definiert sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage als Summe vom Volkseinkommen und Schulden. Daraus resultiert unmittelbar: aus dem Schuldenabbau folgt die Rezession. Die britische Wirtschaft ist mehr als alle anderen entwickelten Volkswirtschaften auf private Schulden angewiesen - daß diese bisher noch nicht abgebaut wurden, erklärt, warum im Gegensatz zu den USA die Rezession bislang ausbliebt, impliziert aber auch, daß ein Schuldenabbau Britannien wesentlich härter träfe als die Vereinigten Staaten.

Der Theorie nach hat der Schuldenstand also Auswirkungen sowohl auf das Beschäftigungsniveau als auch auf die Asset-Preise - und in der Tat, der Kredit-Akzelerator korreliert teilweise sehr deutlich mit der Arbeitslosenquote, dem FTSE-100 und den Immobilienpreisen. Das bedeutet letztendlich, daß eine rasche Entschuldung der britischen Volkswirtschaft überproportionalen Schaden zufügen würde. Die aktuell stattfindenden Entschuldungsbemühungen machen die Insel damit zu einem heißen Kandidaten für eine Rezession im Jahre 2012.

 

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