Finanzinstitute legen nach Leitzinssenkung massenweise Geld bei EZB an


finanzinstitute-legen-nach-leitzinssenkung-massenweise-geld-bei-ezb-an

von Jan Gärtner

Eintrag vom: 06.11.2011

Das Vertrauen ist dahin

Als am Donnerstag der Leitzins von 1,5 Prozent auf 1,25 Prozent gesenkt worden ist, erwartete man eine starke Nachfrage nach Geld. Überraschenderweise blieb der Andrang der Finanzinstitute aus. Stattdessen neigen sie zur Zeit dazu, ihr Geld bei der Europäischen Zentralbank anzulegen. Verblüffend ist vor allem die Intensität, denn insgesamt sind es rund 275,23 Milliarden Euro, die europäische Bankinstitute zu der EZB getragen haben. Im Vergleich zum Vortag hat sich die Summe um 9 Prozent vergrößert. Erklärt werden kann das damit, dass die Finanzinstitute das gegenseitige Vertrauen verloren haben. Denn in der Regel fallen die Zinsen für eine Geldanlage bei einem anderen Finanzinstitut weitaus höher aus als bei der EZB, die lediglich 0,5 Prozent Zinsen in Aussicht stellt. Das Geld scheint vielen bei der EZB sicherer zu sein als bei der Konkurrenz, was damit zusammenhängt, dass viele Banken zu große Bestände von Staatsanleihen verschuldeter Länder in ihren Büchern haben. Die Angst ist daher groß, dass gerade das Institut, wo man das eigene Geld angelegt hat, an den gefährlichen Staatsanleihen zugrunde geht.

Draghi wollte Konjunktur ankurbeln

Der neue EZB-Chef hatte einen spektakulären Start hingelegt und am Donnerstag den Leitzins mit dem Ziel gesenkt, die in Europa sich anbahnende Rezession im Keim zu ersticken. Ein niedriger Leitzins sollte Unternehmen und Verbraucher dazu anregen, Kredite aufzunehmen. Mit billigem Geld wollte man wieder für stärkere Investitionen und intensiveren Konsum sorgen. Draghi möchte mit seiner Entscheidung auch einen leichten Anstieg der Inflation in Kauf nehmen, solange die Konjunktur angekurbelt wird. Nach Draghi sei die Inflation von derzeit drei Prozent ohnehin nur von kurzer Dauer und werde schon bald auf zwei Prozent sinken. Die Pläne des neuen EZB-Chefs scheinen aber nach nur einem Tag nicht zu fruchten, stattdessen läuft die Tendenz in die entgegengesetzte Richtung. Somit kann es tatsächlich der Fall sein, dass die Inflation sicht etwas beruhigt, weil die Banken kein weiteres Geld in den Kreislauf pumpen.

Ökonomen zeigen sich besorgt

Viele Experten zeigen sich besorgt über die aktuelle Entwicklung im Bankensektor und schlagen Alarm. In der Tat ist die Anlage von insgesamt 275,23 Milliarden Euro die höchste Summe seit Juni letzten Jahres. Damals sorgte ebenfalls die Eurokrise für Panik bei den Finanzinstituten, die Geld in Höhe von 384 Milliarden Euro bei der EZB horteten. Wie an den Zahlen abgelesen werden kann, hat die aktuelle Panik nicht das Niveau des vorherigen Jahres erreicht, doch sehen nicht wenige Ökonomen die Wirtschaft in der Euro-Zone „im freien Fall“, wie Yves Mersch, Ratsmitglied und luxemburgischer Notenbankchef, gestern sagte. Seiner Meinung nach liege die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession im Euro-Raum bei momentan 50 Prozent. Noch vor wenigen Monaten war der wirtschaftliche Abschwung noch zu 10 Prozent wahrscheinlich.

 

blog comments powered by Disqus

WEITERFüHRENDE THEMEN

Der Plocker