Der Abschwung endet nicht vor 2031


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von Andre Westkamp

Eintrag vom: 15.12.2011

 

In der Retrospektive erscheint die momentane Krisenstimmung auf den internationalen Finanzmärkten als geradezu absehbar. Doch nicht nur das – die sogenannte Schuldenkrise weist einige historische Parallelen in ihrer Entwicklung auf. Wie befinden uns am Ende des 19. Jahrhunderts: Deutschland vollzog gerade erfolgreich eine Währungsreform. Darüber hinaus führten die Reichsgründung und die damit einhergehende Adaption des internationalen Goldstandards zu einem wirtschaftlichen Boom in Deutschland und Europa wurde mit billigen deutschen Geld überschwemmt. Etwa zeitgleich unterzeichneten Griechenland, Italien und Frankreich eine Währungsunion, doch Griechenland hatte große Schwierigkeiten die gegebenen Auflagen vollends zu erfüllen. Es war die Zeit der Industrialisierung und die neuen Technologien veränderten spürbar die Produktions- und Kommunikationsprozesse in der alten Welt. Die neue industrielle Kraft fegte förmlich die alten Produktions- und Gesellschaftsformen dahin und etablierte nicht zuletzt eine neues soziales Gefüge -  die bürgerliche Gesellschaft. All das, was als Aufbruch in ein neues besseres Zeitalter begonnen hatte, endete im größten wirtschaftlichen Crash aller Zeiten. Im Jahre 1873 brachen, ausgehend von Wien, die europäischen Märkte zusammen und rissen die New Yorker Wall Street mit sich. Es folgte eine Zeit der Depression - eine Zeit der Inflation, der Arbeitslosigkeit und der Rezession, die nahezu 23 Jahre andauerte.   

Die Parallelen zur heutigen Schuldenkrise, vielmehr zu ihren Ursachen, sind beängstigend, auch wenn historische Vergleiche, im Allgemeinen, selten präzise sind. Ausgehend vom Crash der US.Märkte im Jahr 2008 befinden wir uns gerade im Zeitalter der Depression. Wenn wir uns weiterhin im skizzierten Beispiel von 1873 bewegen, stehen uns noch rund 20 Jahre wirtschaftlicher  Abschwung bevor. 

Doch aus der Historie lassen sich sehr nützliche Schlüsse für die Gegenwart ziehen:

Erstens wirtschaftliche Depressionen stellen nur vergleichsweise kurze Episoden in der Geschichte dar. Sie sind vergleichbar mit einem kranken Zahn, der gezogen wird um eine chronische Krankheit zu verhindern. Das heißt jedoch nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen und untätig auf ein baldiges Ende hoffen können - die politischen Entscheidungsträger sind durchaus im Zugzwang. In Großbritannien wurden beispielsweise wichtige Schritte im Krisenmanagement versäumt und somit stellt die derzeitige Rezession die längste in der Geschichte der Nation dar - sogar langanhaltender als die große Depression der 1930-er Jahre. Der wirtschaftliche Output Großbritanniens ist dementsprechend immer noch unter dem Wert von 2008, Europa und den USA droht ebenfalls eine Rezession im kommenden Jahr. 

Zweitens: Die heutige Depression ist struktureller Natur.

Anders als im 19. Jahrhundert ist die Ursache für die Finanzkrise unserer Zeit nicht im Zusammenspiel von technologischen Innovationen und massivster Spekulation zu suchen. Unsere Depression ist vielmehr das Resultat aus drei großen Krisen, die über drei Dekaden ungehindert heran wuchern konnten. Zum einen wäre da die große Schuldenblase und ihr spektakuläres Platzen im Jahre 2008. Zum anderen ist der Dollar, auf lange Sicht, als Devisenreserve stetig auf dem Rückgang. Der Euro bzw. die Euro-Zone, die eigentlich der Retter in der Not seien sollte, avancierte zum größten disfunktionalen Währungssystem aller Zeiten.

Man kann sich die Weltwirtschaft vereinfacht als einen Patienten vorstellen, der erst einen Herzinfarkt erleidet und kurz darauf einen Gehirnschlag. Um das Bild komplett zu machen, müssen wir uns nur noch einen Notarztwagen denken, der bei voller Geschwindigkeit in den nächsten Baum rauscht. Daher ist es kein Wunder, dass sich der Patient nicht bei bester Gesundheit befindet. 

Drittens:  In den großen Depressionen des vergangenen Jahrhunderts blieben viele Länder nahezu unversehrt.

Neue Technologien und Industrien entstanden, wie zum Beispiel der Benzin-Motor und das Telephon, nicht zu vergessen die Erfindung der Elektrizität. Die Parallelen zur heutigen Zeit liegen auf der Hand: Trotz dieser harten Bewährungsprobe bergen die nationalen Ökonomien ein enormes Potential für technische Innovationen, die sich nachhaltig positiv auf die globale Wirtschaftsleistung auswirken könnten.    

Viertens: Der Weg aus der Krise wird nicht leicht werden.

Der Vergleich zur großen Depression der 1930-er Jahre ist deshalb so gefährlich, weil er eine ähnliche Lösungsstrategie nahe legt. Es ist nur allzu verführerisch anzunehmen, dass sich bei einer entsprechend hohen Nachfrage alle Probleme des Marktes wie von selbst lösen würden – doch weit gefehlt. Ohne Zweifel ist die Nachfrage ein wichtiger ökonomischer Faktor, doch das Problem unserer Tage ist, wie bereits erwähnt, struktureller Natur. Solange die drei großen Probleme nicht behoben sind, das heißt das Schuldenniveau gesenkt, der Dollar gestärkt und die Euro-Zone gesundet ist, werden wir mit den Auswirkungen der Depression zu kämpfen haben. 

 

 

 

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