Eine gemeinsame Währung ... gab es das nicht schon mal ...?
Eintrag vom: 09.01.2012
Zugegeben, das ist nicht ganz korrekt, denn bereits seit dem 4. Januar 1999 gibt es die Gemeinschaftswährung auf dem Papier. Elf EU-Staaten waren von Anfang an dabei: Österreich, Belgien, Finnland, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, die Niederlande und die späteren Problemkinder Irland, Italien, Portugal und Spanien. Insgesamt lebten auf einmal 290 Mio. Menschen in einem gemeinsamen Währungsraum, geschaffen, um die europäische Integration und das Wirtschaftswachstum voranzutreiben.
Dabei erwischte der Euro durchaus einen guten Start. Am ersten Handelstag schloß er bei $1.17 (wo er bald wieder stehen könnte) und sah nach einem ernsten Herausforderer für den allmächtigen und allgegenwärtigen US-Dollar aus.
Drei Jahre später dann - also vor genau zehn Jahren - zirkulierte der Euro dann auch tatsächlich als legales Zahlungsmittel im gemeinsamen Währungsraum. Der österreichische Schilling, der belgische Franc, die finnische Mark, der französische Franc, die Deutsche Mark, die italienische Lira, das irische Pfund, der luxemburgische Franc, der niederländische Gulden, der portugiesische Escudo und die spanische Pesete mußten für ihn weichen. Nur das Vereinigte Königreich, Schweden und Dänemark entschieden sich - jeweils nach intensiven Diskussionen in den nationalen Parlamenten - gegen eine Teilnahme.
Gegenwärtig haben neben den 17 Mitgliedern der Eurzone (die, ähnlich den Stammgästen jeder lokalen Kneipe, jedem bekannt sind) auch der Kosovo und Montenegro sowie zahlreiche europäische Micronationen (Andorra, Monaco, San Marino und der Vatikan) sowie drei Übersee-Gebiete von EU-Staaten, die aber nicht selber Teil der Union sind (Mayotte, Saint Pierre und Miquelon und Akrotiri and Dhekelia) den Euro eingeführt. Damit wird dieser von weiteren drei Millionen Menschen genutzt.
Damit aber noch lange nicht genug.
Kuba, Nordkorea und Syrien nutzen alle den Euro als Währung zur Abwicklung ihrer Handelsgeschäfte und außerhalb der eigentlichen Eurozone hatten weitere 23 Länder die glorreiche Idee, ihre Währungen an den Euro zu koppeln - nämlich jene Staaten, deren Währungen vorher an die Deutsche Mark, den Franc oder den Escudo gekoppelt waren. Ferner haben sich überdies noch Bulgarien, Dänemark, Litauen und Lettland dazu entschieden, ihre Währungen auf die eine oder andere Art an den Euro zu binden. Unterm Strich bedeutet das, daß die Gemeinschaftswährung, die sich gegenwärtig auf dem schmalen Grat zwischen Liebe und Haß bewegt, offiziell von nicht weniger als 350 Mio. Europäern, 150 Mio. Afrikanern, 25 Mio. Menschen in weiteren Ländern und etwa einer halben Million verlorener Seelen auf verschiedenen Pazifik-Inseln benutzt wird.
Die folgende Karte gibt eine genaue Übersicht darüber, welche Länder sich dem Euro verschrieben haben (Kopplungen mit inbegriffen) - und auch wenn die vielen winzigen Inseln bei dieser Auflösung nicht zu erkennen sind: es gibt sie.

Seit der Herrschaft Karls des Großen hat keine gemeinsame europäische Währung mehr gegeben - wobei Karl, zugegeben, sich etwas rabiaterer Methoden bediente, als er das Frankenreich zum Heiligen Römischen Reich ausbaute, das letztendlich den größten Teil Westeuropas umfaßte. Im Jahre 800 wurde er zum Kaiser gekrönt.
Karls Herrschaft über Europa ist eng mit der karolingischen Renaissance verbunden und noch heute sind die französischen und deutschen Nachfolgemonarchien über fast ganz Europa verteilt. So lobte Papst Johannes Paul II. Karl auch bei seiner Rede zur Verleihung des Karlspreises als "Pater Europae" - sein Reich habe Westeuropa zum ersten Male seit Zerfall des römischen Reiches geeint und dazu beigetragen, eine europäische Identität und damit quasi eine Rechtsschutzversicherung zu begründen.
Ein Blick auf die nächste Karte zeigt das Frankenreich - mit einem Kern, der durchaus an den heutigen Kern Europas erinnert. Damals war alles noch herrlich einfach: benahm sich die Peripherie nicht, ließ sich das durch die Entsendung einer Armee richten.

Unter die Herrschaft Karls fällt auch die Einführung der ersten "Gemeinschaftswährung", dem Silberdenar. Wenngleich der Prozeß weitaus weniger verhandlungsintensiv war, sind doch einige Parallelen zum Euro vorhanden.
Wikipedia schreibt dazu:
"Das ehedem gänzlich uneinheitliche Geldwesen wurde ebenfalls reformiert. Die Goldbindung des Geldes wurde aufgegeben [infolge akuter Goldknappheit, der Autor], der Silberdenar als reichsweit geltende verbindliche Währung eingeführt, um Handel und Gewerbe zu vereinfachen. Ein Solidus bzw. Schilling waren 12 Denar; ein Pfund (libra), dessen Gewicht gegenüber dem antiken Maß erhöht wurde, entsprach 20 Solidi. In Karls Münzordnung wurde festgelegt, dass aus einem Pfund Silber 240 Pfennige (Denare) geprägt werden müssen. Der angelsächsische König Offa von Mercien übernahm zur gleichen Zeit diese Regelung, die in England bis 1971 in Kraft war."
Klingelt es nun? Die Abschaffung des Goldstandards, da nicht genügend Edelmetall da war, um das Geld zu decken? Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, um Handel und Gewerbe zu vereinfachen? Makroökonomische Reformen der Union, ausgehend vom Zentrum? Freiwillige Adoption dieser Regeln durch England, das nicht zur Union gehörte?
Natürlich, das ist alles weit hergeholt. Aber der Punkt ist folgender: Mitte des achten Jahrhunderts glaube womöglich niemand, daß Europa von einem gemeinsamen Herrscher geführt werden könnte, womöglich sogar mit einer gemeinsamen Währung. Hundert Jahre später schien es ebenso unmöglich, daß diese Union zerbrechen könnte. Dennoch trat es ein - und das kann auch heute noch passieren.



