Investment: Wie viel Risiko ertragen Sie?
Eintrag vom: 31.08.2011
Seine Risikotoleranz festzulegen, bevor man investiert, ist so ähnlich, wie den Geburtstermin seines Kindes zu bestimmen – wenn die Wehen erst mal losgehen, kann auch der beste Plan nichts mehr bewirken.
Psychologen nennen das Phänomen die Empathie-Lücke: Man beurteilt spätere Ereignisse immer nach dem Zustand, in dem man sich gerade befindet – so sind zum Beispiel Menschen eher bereit, sich für eine gewisse Geldsumme zu einem späteren Zeitpunkt Schmerz zufügen zu lassen, wenn sie gerade keinen Schmerz empfinden. Nach diesem Muster schätzen auch Investoren während einer neutralen Phase ihre Risikotoleranz geringer ein als es ihrem tatsächlichen Handeln entspricht, wenn sie wütend oder ängstlich sind. Die Wahrheit ist, dass man nicht voraussagen kann, wie man sich fühlen wird, wenn man sein hart verdientes und gespartes Geld sich in Luft auflösen sieht.
„Wir nenne das die Illusion von Mut“, sagt George Loewenstein, Professor für Ökonomie und Psychologie an der Carnegie Mellon University. „Wenn der Moment der Wahrheit noch weit weg ist, hat man keine Angst und auch keine Vorstellung von dem späteren Angsterlebnis. Deshalb werden die Menschen überrascht von ihren eigenen Panikreaktionen.“
Loewenstein hat dieses Konzept ausgiebig untersucht. Bei einem Experiment bot er Studenten Geld an, damit sie einwilligten, eine Woche später in der Öffentlichkeit aufzutreten und einen Tanz oder ein Lied darzubieten. Als der große Tag kam, zogen viele ihre Zustimmung zurück. Einer anderen Gruppe wurde vor dem Angebot ein Angst einflößender Film gezeigt – und es fanden sich viel weniger, die ihre Zustimmung gaben. Diese Gruppe hatte eine bessere Vorstellung von ihrer Angst, befand Loewenstein.
Darüber hinaus hat der menschliche Geist die Fähigkeit, wenn er von Angst erfüllt ist, Gründe für die Rechtfertigung von emotionsgeleitetem Verhalten zu finden. Loewenstein stellt es so dar: „’Ich habe die weltweite Marktlage nicht vorausgesehen, als ich die Entscheidung, stand zu halten, getroffen habe’ – das ist Angst, die rational gerechtfertigt wird.“ Das Gefühl für Geld hat seine Wurzeln in der Kindheit
Umfragen ergeben, dass die meisten Investoren standhalten: Zwei Drittel der von Decision Research vom 09. bis zum 15. August Befragten haben nicht vor, innerhalb der nächsten zwölf Monate Änderungen an ihren Aktien und Fonds vorzunehmen. Diese Art von Gleichmut ergibt sich, wenn man sein Ziel fest im Auge behält, weiß, wann man das Geld benötigen wird und eine klare, seinem persönlichen Ziel angemessene Strategie verfolgt.
Wenn man jedoch zum letzten Drittel gehört und die gegenwärtigen Marktschwankungen nicht ertragen kann, bedeutet das, dass man Kontakt zu seiner Angst hat – ein guter Zeitpunkt also, seine eigene Risikobereitschaft zu hinterfragen. Es existiert eine Vielzahl von Fragebögen, mit deren Hilfe man sie bestimmen kann. Ein paar davon finden Sie bei Fidelity, Vanguard, Charles Schwab und Rutgers University.
Einige Finanzplaner gehen über den simplen Fragebogen hinaus und versuchen, die tieferen Einstellungen der Menschen zu Geld zu ermitteln. Diana DeFrate, CPA und zertifizierte Finanzplanerin bei DeFrate & Paavola Wealth Management in New York, gibt Klienten noch einen zusätzlichen Fragebogen, in dem nach der Rolle des Geldes in ihrer Familie zur Zeit des Heranwachsens gefragt wird. „Sie sprechen über einige ihrer frühesten Erinnerungen; darüber, was ihnen ihre Eltern über Geld beigebracht haben. Auf diese Weise kann man lernen, wo der eigene Angstknopf sitzt“, so DeFrate. „Gekoppelt mit dem Risikobereitschaftsfragebogen hilft uns das herauszufinden, wie viel Risiko diese Person ertragen kann.“ Eine Kindheit, in der Geld ein Symbol für Konflikte, Entbehrung, Feindseligkeiten oder Kontrollverhalten war, kann den Entscheidungsprozess des Erwachsenen verdrehen und letztendlich größeren Schaden anrichten als der Aktienmarkt selbst.
Wenn Sie neuerdings Ihre Risikotoleranz hinterfragen und sich zu sehr dem Markt ausgeliefert fühlen, fangen Sie nicht an, durch emotionales Trading Verluste herbeizuführen. „Optimieren Sie Ihre Portfolio-Strukturierung, aber tun Sie es nicht auf dem Höhepunkt der Tollheit“, rät DeFrate. Sie erarbeitete auch mit Klienten, die durch das Marktdurcheinander 2008-2009 aufgeschreckt und nervös waren, Handlungsrichtlinien für den weiteren Umgang mit den Unsicherheiten. Man muss akzeptieren, dass ein geringes Risiko auf lange Sicht auch eine geringere Rendite bedeutet – und das muss man dann mit zusätzlichen Spareinlagen ausgleichen.



